Wissensstadt HN? Noch nicht.

von 42 Heilbronn

Wissensstadt HN? Noch nicht.

Die Journalistin Annika Heffter ist gebürtige Gemmingerin und 33 Jahre alt. Nach Zwischenstopps in der ganzen Welt zieht es sie 2018 wieder zurück in die Heimat. Sie macht ihr Volontariat bei der Heilbronner Stimme, arbeitet dann als Redakteurin. Nun ist sie bei der Nachrichtenagentur AFP in Berlin tätig. Ein Abschiedsgespräch über Heilbronn, die lokale Ordnungspolizei und die Zukunft des Journalismus mit KI.

Annika, welchen Blick hast Du auf Heilbronn?

Hier hat sich enorm viel verändert. Zum Positiven. Ich habe in der Region meine Schulzeit verbracht, da war Heilbronn mäßig attraktiv: Die Neckarmeile und der Bildungscampus existierten noch nicht, es gab viel Industrie und kaum Grün. Dafür eine Schnellstraße und Industriebrachen mitten in der Stadt, wo jetzt der Neckarbogen ist. Einen Fluss, an dem man nicht entlangspazieren konnte. Heute ist Heilbronn eine deutlich lebenswertere Stadt. Das ehemalige Buga-Gelände ist toll geworden, man hat den Neckar wieder ins Stadtbild zurückgeholt und versucht dort, ein klimafreundliches und autoarmes Viertel aufzubauen. Leider funktioniert es noch nicht so ganz, die von vielen Heilbronnern so heiß geliebten Autos aus der Innenstadt zu verbannen. Aber die allgemeine städtebauliche Veränderung ist positiv.

Ist Heilbronn auch eine Wissensstadt?

Nein, Heilbronn ist noch keine Wissensstadt und aus meiner Sicht auch keine Universitätsstadt. Diese beiden Begriffe leben immer auch von Vielfalt, von verschiedenen Disziplinen, Kulturen und Vorstellungswelten. Kurzum: Heilbronn braucht geisteswissenschaftliche Studiengänge. Oft habe ich den Eindruck, dass der Bildungscampus als recht steifes, steriles Gebilde aufgezogen wurde, um Fachkräfte in den Bereichen Technik, Wirtschaft und IT auszubilden, die dann bleiben und das Wirtschaftswachstum befeuern. Dabei steht im Fokus, die Region wirtschaftlich noch stärker und attraktiver zu machen – das Studium als Weg zur Selbsterkenntnis und -verwirklichung und die Studierenden selbst spielen dabei gefühlt keine Rolle. Was fehlt, sind Kunst, Kultur, Lockerheit und Esprit. Geisteswissenschaftler würden die Stadt sehr bereichern, weil es dann eine vielfältigere Mischung an Studierenden gäbe.

Aber es gibt rund 9.000 Studierende, für eine Stadt dieser Größenordnung ist das eine Menge.

Ja, leider ist diese Menge an Studierenden in der Stadt nicht immer zu spüren. Am Bildungscampus wird das ganz offensichtlich: Er liegt mitten in der Stadt und trotzdem findet dort kaum Leben außerhalb von Vorlesungen, Lerntreffen und abendlichen Fachvorträgen statt. Das liegt natürlich auch an den strengen Regeln: Man kann sich nicht einfach entspannt auf das Gras setzen, mit Kommilitonen grillen oder ein Bier trinken. Meines Wissens ist das sogar verboten. In meiner Studienzeit in drei unterschiedlichen Ländern gab es auf dem jeweiligen Campus auch immer günstige Bars und Studi-Cafés, die ich in Heilbronn vermisse. Wenn nicht die Menschen, sondern das Image des Bildungscampus‘ als sauberer, gepflegter Ort im Mittelpunkt stehen, dann ist das für ein lebendiges Studentenleben tödlich. In dieser Lebensphase, wenn man meist zwischen 20 und 30 Jahre alt ist, sollte man ausprobieren und auch mal chaotisch sein dürfen, das Studium wechseln, feiern, sich verlieben. Dieses Experimentieren mit sich selbst und ein wenig Chaos zuzulassen – womöglich sogar auf dem frisch gemähten Rasen auf dem Bildungscampus – erfordert vor allem Vertrauen in die Studierenden. Daran mangelt es aus meiner Sicht völlig grundlos.

Welche Bedeutung hat die 42 für Heilbronn?

Die 42 ist ein Mikrokosmos, wo genau das funktioniert: Zusammen Spaß haben, neue Arbeitsweisen ausprobieren, Gemeinschaft erleben, sich weiterentwickeln – und gleichzeitig Leistung bringen. Dabei herrschen enorme Offenheit und Neugier. Ich glaube, das ist auch ein Grund, weshalb die 42 über Formate wie den KI-Salon oder das KI-Festival den Austausch mit der Stadtgesellschaft sucht. Bei diesen Veranstaltungen können wichtige Debatten stattfinden und die Technologie ausprobiert und besser verstanden werden. Das ist wichtig, denn KI birgt neben den großen Potenzialen auch Risiken für uns als Gesellschaft. Wir müssen viel mehr mit Expertinnen und Experten in den Austausch kommen und die Entwicklung aktiv mitgestalten. Über ethische Fragen und Datenschutz wird schon heute viel diskutiert, weil KI unser Zusammenleben in fast allen Lebensbereichen massiv beeinflussen wird. Darauf müssen wir uns besser vorbereiten.

Sichwort KI: Werden ChatGPT und Co. den klassischen Journalismus ersetzen?

KI kann den Menschen nicht vollständig ersetzen. Im Gegensatz zur Maschine können wir sehen, schmecken, hören, fühlen und riechen. Journalistinnen und Journalisten können erfahren, wie sich eine Situation angefühlt hat und das zum Beispiel in einer Reportage interessant aufbereiten. Und KI ist alles andere als unfehlbar. Unsere Aufgabe wird zukünftig mehr denn je sein, Nachrichten zu verifizieren, Fake News und Deepfakes sicher zu erkennen und auszusortieren, Qualitätsjournalismus zu produzieren und den Menschen die große Welt mit all ihren Sonnen- und Schattenseiten näherzubringen.

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