Hätte es die 42 in den 1980ern gegeben… ich hätte da studiert

von Nadia Aleksan

Interview mit Achim Berg

Achim Berg, Bitkom-Präsident und Mitglied des Beirates der 42 Heilbronn, ist einer der renommiertesten Kenner und Mahner der deutschen IT-Landschaft. Ein Gespräch über digitalen Analphabetismus in Deutschland, das Potenzial von Coding-Schools und darüber, dass sein akademischer Werdegang heute womöglich anders verlaufen wäre.

Sie beklagen einen digitalen Analphabetismus in Deutschland. Ist es wirklich so krass?
Leider ja. Ein Viertel der Deutschen kann technische Geräte wie Smartphones oder Computer nicht richtig bedienen – ganz zu schweigen von der Fähigkeit zur zielgerichteten Recherche im Internet oder der Installation neuer Programme auf den eigenen Geräten. Das hat auch viel mit dem fehlenden Interesse an IT zu tun. Bei uns liegt der Anteil der IT-Absolventinnen und -Absolventen bei unter 5 Prozent. Und das, obwohl die IT Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit bietet – ob Klimaschutz, Cybersicherheit oder Gesundheitsversorgung. Schönredner verweisen nun darauf, dass wir einen Tick besser als der EU-Durchschnitt dastehen. Aber das kann und darf doch nicht unser Anspruch sein! Rumänien erzielt eine IT-Quote von über 6 Prozent, Estland sogar von 8 Prozent.

Was sind die wesentlichen Gründe?
Wenn sich zu wenig junge Menschen für ein IT-Studium interessieren und es an wesentlichen IT-Fähigkeiten mangelt, dann müssen wir zwangsläufig auf die Schulen gucken. Da diskutieren wir zwar seit zwei Dekaden über die Digitalisierung, aber dennoch wird heute genauso unterrichtet wie vor fünfzig Jahren. Es fehlt an digitaler Infrastruktur, es fehlt an Inhalten und es fehlt an einschlägig qualifiziertem Personal. Und das, obwohl genug Geld da wäre! Mit dem Digitalpakt Schule hat der Bund seit 2019 sechs Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, doch erst ein Bruchteil wurde davon bisher ausgegeben. Grund ist vielfach eine irre Bürokratie, woran selbst die engagiertesten Lehrerinnen und Lehrer verzweifeln. Der Unmut darüber wächst übrigens: So geht die Digitalisierung der Schulen für drei von vier Eltern zu langsam oder viel zu langsam. Bei dieser digitalen Apathie in vielen Klassenzimmern muss man sich nicht wundern, wenn junge Menschen nach der Schule nicht denken: „Hey, ich studiere IT, weil ich damit die Welt ein Stück besser machen kann“!

Welche Gefahren entwickeln sich daraus für Deutschland?
65% der Unternehmen bezeichnen fehlende IT-Fachkräfte als massiven Bremsklotz für die digitale Transformation. Die finden einfach keine Software-Spezialistinnen, IT-Projektmanager, Fachleute für Big Data und vieles mehr. Das heißt: In den entscheidenden Zukunftsfeldern fällt Deutschland weiter zurück und überlässt die digitale Gestaltung unserer Welt von morgen Big Playern wie den USA und China, aber auch smarten Staaten wie Singapur. Wenn wir nicht schleunigst gegensteuern, kriegen Kernindustrien wie die Fertigungsindustrie, der Automobilbau oder auch der Bankensektor echte Probleme, von unseren innovativen Mittelständlern ganz zu schweigen.

Aber es geht um weit mehr als wirtschaftliche Aspekte. Wie gesagt: Nur mit IT können wir wesentliche Probleme lösen. Zudem ist E-Government unerlässlich, um staatliche Handlungsfähigkeit zu wahren, das gilt gerade in Krisenzeiten wie den derzeitigen. Um so erschreckender, dass Deutschland bei dem Thema im Europa-Vergleich im unteren Drittel feststeckt, abgeschlagen hinter Nationen wie Dänemark, Estland oder Portugal und nur knapp vor der Slowakei und Bulgarien.

Was ist zu tun?
Wir müssen für IT endlich die Begeisterung wecken, die sie verdient. Um kurzfristig dem Mangel an IT-Fachkräften entgegenzuwirken, sind praxisnahe Coding-School- und Bootcamp-Kurse unheimlich wichtig. Große Hoffnung setze ich dabei auf Quereinsteiger, Menschen, die mit ihren bisherigen Jobs nicht glücklich sind und was Neues machen wollen. An dieser Stelle müssen auch die Unternehmen und Hochschulen umdenken und sich auf etwas andere Lebensläufe einstellen.

Womit wir bei der 42 wären…
Absolut richtig! Ich verfolge die 42 seit ihrer Gründung in Paris. Was sich da weltweit mit einem irren Tempo entwickelt, ist faszinierend. Das Konzept spricht Menschen an, die sich für ein klassisches IT-Studium vielleicht niemals entschieden hätten. Sei es, weil ihnen die formalen Voraussetzungen fehlen oder weil sie wenig Lust verspüren, von den Kathedern der altehrwürdigen Hochschulen Wissen zu empfangen – ohne den klassischen Unis ihre Qualität absprechen zu wollen.

Die 42 soll also neue Ressourcen erschließen?
Das ist viel zu verkürzt! Ja, die 42 unterbreitet ein fantastisch niedrigschwelliges Angebot, um sich professionell für IT-Berufe fit zu machen. Aber das Konzept geht doch weit darüber hinaus. Ich habe noch keine Universität gesehen, an denen die Studierenden mit solcher Leidenschaft das Coden lernen. Drei Sachen sind dafür aus meiner Sicht wesentlich: Erstens verspüren sie vom ersten Tag an Eigenverantwortung. Da ist kein Professor, der ihnen etwas vorkaut. Zweitens legt die 42 extrem viel Wert auf Zusammenarbeit. Das ist im IT-Bereich nicht selbstverständlich und schafft einen ganz besonderen Teamgeist. Drittens konfrontiert die 42 ihre Studierenden ständig mit wirklich schweren Aufgaben, die sie gemeinsam meistern – diese Erfolge motivieren.

Und aus diesem ganz speziellen Umfeld erwächst dann auch wirklich Neues. Ich erhoffe mir von den Absolventinnen und Absolventen nicht weniger, als dass sie bekannte Probleme mit neuen Ansätzen auf innovative Art und Weise lösen.

Das gilt auch für die 42 Heilbronn?
Absolut! Ich spüre hier eine irre Aufbruchstimmung. Die Menschen, die ich hier kennenlernen durfte, sprühen vor Kreativität und Freude am Coden. Das Niveau ist überdurchschnittlich. Erst letzte Woche hatte ich eine intensive Diskussion mit einem sehr erfolgreichen Start up Gründerteam, die sich sehr für die 42 Heilbronn interessieren – sie finden den Ansatz extrem spannend und sehen auch für ihr Unternehmen eine hervorragende Möglichkeit, Talente zu gewinnen. Kurz: Die 42 Heilbronn bereichert die deutsche IT-Szene enorm. Hätte es so ein Angebot bereits Mitte der 1980er Jahren gegeben… ich wäre dabei gewesen!

 

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