Digitale Bildung? Völlig unterentwickelt!

von 42 Heilbronn

Digitale Bildung? Völlig unterentwickelt!

Fränzi Kühne, CDO bei Edding und Mitglied im Beirat der 42, gilt heute fast schon als Promi in der deutschen IT-Szene. Ein Gespräch über das digitale Bildungsdesaster in Deutschland, den Mittelstand auf der Nachholbank und Orte wie die 42 als Hoffnungsschimmer.

Fränzi, wie steht es um die digitale Bildung in Deutschland?

Erstmal müssen wir bei der Frage anfangen: Wie steht es um die Bildung allgemein in Deutschland? Schau dir den Bildungsgipfel Mitte März an. Da sind nur zwei von 16 Bildungsminister*innen erschienen. Alle anderen haben abgesagt! Was sagt das aus über die Wertschätzung von Bildung in Deutschland? Ich konnte es gar nicht glauben.

…und im Punkt digitale Bildung sieht es da auch nicht besser aus?

Genau! Die digitale Bildung in Deutschland ist völlig unterentwickelt. Sehen wir uns die Zahl der Informatiklehrer*innen in Deutschland an: Letztes Jahr sind nur etwas über 700 mit Informatikausbildung von der Uni abgegangen. Dabei haben wir in Deutschland 800.000 Lehrer*innen! Und woran liegt das? Zum Beispiel daran, dass IT-Bildung nicht fester Bestandteil des Lehrplans ist. Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige Bundesland, wo es Informatik als Pflichtfach gibt. Zwei Bundesländer bieten es überhaupt nicht an. Das zeigt deutlich: Wir haben es hier mit einem strukturellen Problem zu tun.

Und was muss jetzt passieren?

Ganz klar muss die Bildungspolitik sich hier bewegen. Die nächsten Schritte wären: Informatik als Schulfach festzulegen und in technische Fortbildungen von Lehrer*innen zu investieren. Aber ich will nicht nur auf die Politik zeigen. Letztlich haben wir es mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun. Wenn man sich zum Beispiel anschaut, wie der Mittelstand digital aufgestellt ist, da sage ich: Note 5, setzen!

Was sind die Kernprobleme im deutschen Mittelstand?

Die Mittelständler sind in Sachen Produktion wahnsinnig gut aufgestellt. Hier hat Deutschland echt viele Hidden Champions, die seit Jahrzehnten top Qualität liefern. Aber Chancen und Anforderungen, die sich durch die Digitalisierung ergeben, die werden massiv vernachlässigt. Plakativ gesagt: Der Mittelstand kann gut in Hardware, aber nicht in Software. Ein konkretes Beispiel: In der IT frickeln alle irgendwie an den ähnlichen Problemen herum, anstatt Standardlösungen zu nutzen. Da gibt es eine Tendenz, Systeme immer selbst zu bauen und große Probleme zu adaptieren. Und am Ende wundern die sich, dass ihre Systeme für große, effiziente Softwarelösungen nicht taugen. Ein anderes Beispiel: Digitale Aspekte werden in vielen Unternehmen als nachgelagerte Support- und Serviceleistungen verstanden und werden im Produktdesign sträflich vernachlässigt. Eine fatale Degradierung! Ich bin davon überzeugt, dass digitale Aspekte Teil jeder Entscheidung sein müssen.

Bei Edding wollen wir systematisch jedes Projekt von Anfang an digital denken. Mit zwei Digitalvorständen sind wir da sicher auch ein Stück weit Vorreiter. Wobei wir als CDOs nur eine Übergangslösung sind. Am Ende kommt es darauf an, dass jedes Vorstandsmitglied bei dem Thema hoch kompetent ist und es dieser Funktion gar nicht mehr bedarf.

Was sind konkrete Digitalisierungsthemen bei Euch?

Da sind zum einen mehr oder weniger technische Fragestellungen, beispielsweise zu neuen Tools und IT-Systemen. Zum anderen – und sicher noch wichtiger – geht es darum, die Kolleginnen und Kollegen davon zu überzeugen und einen positiven Blick auf Fortschritt und Veränderung zu prägen. Das ist kein Selbstläufer! Mitarbeitende, die über drei Jahrzehnte einen klasse Job gemacht haben, fragen zu Recht, weshalb sie bestimmte Prozesse umstellen sollen. Da braucht man gute Argumente und man muss Wege aufzeigen, wie sie den Wandel mitgestalten können. Zudem brauchen wir auch neue Leute, die frische Impulse setzen und anderes Wissen mitbringen. Und hier kommt auch die 42 Heilbronn ins Spiel.

Was schätzen Sie an der 42?

Wir haben eingangs darüber gesprochen, was in Sachen digitaler Bildung schiefgeht. Die 42 schließt genau diese Lücke und schafft ein unglaublich wichtiges Angebot. Und das vermittelt sie mit einem spannenden Ansatz und extrem innovativen Lehrmethoden. Anders als in regulären Informatikstudiengängen geht es an der 42 nicht um Auswendiglernen oder langatmige Theorie. Erstens lernen die Coder*innen Probleme ganz nah an der Praxis zu lösen. Und zwar in engem Austausch mit den Unternehmen, die in der Region ansässig sind. Das ist ein ungeheurer Schatz! Wir erleben gerade, wie rund um die 42 Heilbronn ein IT-Wissenscluster entsteht.

Zweitens werden alle Inhalte miteinander und im engen Austausch erarbeitet. Dabei lernen 42-Studierende auch Softskills, die ich als Unternehmen unbedingt brauche: Wie agiere ich im Team? Wie kann ich klar und gleichzeitig wertschätzend Feedback geben? Wie eigne ich mir selbst Wissen an? Dieses spezifische 42-Mindset und diese Hands-on-Mentalität schätze ich unheimlich. Deswegen wollen wir zukünftig auch noch mehr zusammenarbeiten – und hoffen dabei natürlich, junge Talente für Edding begeistern zu können!

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